Mir ist bewusst, dass ich schon lange nichts mehr geschrieben habe. Aber ich habe soeben etwas getextelt. Es ist eine Kurzgeschichte für den Deutschunterricht. Mir ist klar, dass es keine typische Kurzgeschichte ist. Ich veröffentliche sie hier, das Copyright ist meins, es geht um die Veröffentlichung, der Zeitpunkt wird mir Recht geben
23.04 Uhr
Es ist 23.04 Uhr. Irgendwo auf der Welt verliert jemand unglückliches gerade seine Autoschlüssel. An einem anderen Ort findet jemand einen vollen Geldbeutel. Doch unser Fokus ist auf das hiesige Stadion gerichtet. Die Band sollte schon seit 4 Minuten spielen, die Menge ist eingepfercht. Es hat zu wenig Platz für alle. Hoffnungslos überausverkauft. Manche trinken Bier, andere Cola. Einige sind zu betrunken um noch etwas mitzubekommen. Zu betrunken, um zu merken, dass ein Pärchen in der WC Kabine Sex hat, neben der sie selbst liegen. Die Zeit scheint still zu stehen.
Mitten in dieser Menge steht Ralf. Ralf ist noch jung. Sechzehn, siebzehn vielleicht. Keine achtzehn und nicht mehr fünfzehn. Ralf ist zum ersten Mal an so einem Konzert, ein Freund hat ihn in der letzten Minute noch überreden können mitzukommen.
Ralf steht in der Mitte, gute fünf Meter von der Bühne entfernt. Das ist, wie man weiss, der am dichtesten gedrängte Ort in einer Menschenmenge an einem Konzert. Ralf weiss das nicht. Er kann mit keinem Erlebnis vergleichen.
Die Welt ist ein Foto. Die Zeit schleicht, nein macht Pause. Die Welt bleibt stehen, sitzt auf eine Bank neben der Strasse, verschnauft. Ralf wird ungeduldig. Er, der sich einen genauen Tagesplan gewohnt ist. In der Schule halten sich alle peinlich an den Stundenplan, weshalb auch nicht hier? Ralf trägt keine Uhr, das ist nicht mehr angesagt. Er hat ein Handy. Top Modern, jeder Schnick Schnack, Kamera, Musikplayer. Ralf schaut auf die Uhr auf dem Display. Noch immer 23.04! Ungeduld macht sich breit in Ralfs Körper. Etwas muss passieren, Ralf weiss, dass etwas passiert. Die Band kommt jetzt, oder er wird die Beherrschung verlieren. Das weiss er.
Ralf beginnt sich eingeengt zu fühlen. Und alleine. Seine Freunde sind nirgends zu sehen. Was ihn normalerweise nicht gross stören würde, irgendwie findet man sich immer. Aber heute ist ihm alleine nicht wohl zu mute. Er hätte sich gerne mit jemandem unterhalten. Aber Ralf hat Probleme neue Kontakte zu knüpfen oder einfach mit wildfremden Menschen zu reden. Ralf hört das Geschrei der tausenden Stimmen in ruhiger Konversation. Das Gefühl, das dadurch ausgelöst wird, ist Ralf unangenehm. Er fühlt sich unwohl.
Er bemerkt vorne an der Bühne eine Aktivität. Er richtet seinen Blick voller Vorfreude nach vorne, merkt aber schnell, dass da nur ein ohnmächtiges Mädchen über die Absperrung gehievt wird. Langsam und behutsam wird das Mädchen von den Security Männern auf der anderen Seite entgegengenommen. Ralf kann sich denken, an was das Mädchen leidet. Er selbst muss damit kämpfen, das Bewusstsein nicht zu verlieren. Die Menge ist wirklich unerträglich dicht. Aber Ralf will nicht wie ein Schwächling wirken, deshalb lächelt er spöttisch. Das wäre ja noch schöner! Viel Geld für ein Ticket zu zahlen und dann das Konzert von der Sanitätsstation aus zu hören.
Ralf wendet seinen Blick wieder zum Handy. Wer weiss, vielleicht waren ja wieder zwei Minuten verstrichen. 23.04? Das ist ja zum verrückt werden! Noch immer 23.04!
Ralf denkt nach. Falls er ohnmächtig würde, er würde nicht vorne über das Gitter gehievt werden. Er würde, bestenfalls irgendwo hingelegt. Schlimmstenfalls würde es niemand merken und er würde dann beim Konzert zertrampelt werden. Was für eine schreckliche Vorstellung! Ralf ist froh, dass ihm das nicht passieren wird.
Im selben Moment spürt er einen stechenden Schmerz. Als ob ihn jemand von hinten in sein Herz stechen würde. Ralf weiss nicht, wie ihm geschieht. Er beschliesst, solange die Ohnmacht nicht kommt, wird er stehen bleiben. Und falls ihm schlecht werden sollte, könnte er sich immer noch aus der Menge kämpfen.
Ralf wirft einen Blick auf sein Handy. Sein Herz krampft sich zusammen, der stechende Schmerz wird schlimmer. Noch immer vier nach elf. Ralf versucht sich zu beruhigen. Ruhig durch zu atmen.
Ralf schaut noch einmal nach seinem Geld. Sein Portmonee hat er hinten rechts in seiner Hosentasche. Ralf greift in die Tasche und fühlt etwas komisches an seinem T-Shirt. Es ist warm. Und feucht. Aber nicht nass. Es ist ein dickflüssiges feucht. Etwas wie.. Blut! Plötzlich ist es Ralf klar. Der Schmerz in seinem Herzen ist nicht von Innen. Es ist auch nicht sein Schmerz. Jemand hilft da nach. Doch was ist der Grund? Wer will ihm etwas böses tun? Wer will ihn verletzen, wer will, dass er Schmerzen empfindet? Wer hasst ihn? Das sind Fragen die ihm durch den Kopf schiessen. Im selben Moment hat er einen Gedanken. Vielleicht könnte er sich.. wenn er.. ja, das sollte funktionieren. Ralf bewegt sich ein bisschen. Er macht nur einen kleinen Schritt vorwärts. Eine starke Schmerzwelle durchzuckt ihn. Er wagt es, sein Handy aus der Tasche zu holen und nach der Zeit zu sehen. 23.04 Uhr. Schon seit Stunden.
In Ralf steigt eine Übelkeit auf, seine Sicht verschwimmt. Ralf konzentriert sich Die Übelkeit flaut ab, auch scheint er die Bühne wider klar sehen zu können.
Jetzt spürt er eine Hand in der Hosentasche, in der er seine Geldbörse aufbewahrt. Er hätte nie gedacht, dass jemals der Tag kommen würde, an dem er das einfach passieren lassen würde.
Die suchende Hand findet, was sie sucht und entfernt den Behälter für sein Geld aus dem Textilkäfig. Ralf denkt, es ist vorbei. Vorbei mit den Schmerzen, er will das Konzert geniessen.
Er sucht nach seinem Handy, kriegt es zu fassen und sieht nach der Zeit. 23.04 Uhr, doch eine Hand greift nach dem Handy und entwindet es ihm, ohne auf Widerstand zu stossen.
Der Stich in Ralfs Brust wird schlagartig schlimmer, bis er weg ist. Schmerzen bleiben, unerträglich. Ralf treten Tränen in die Augen. Er spürt, wie das Blut aus einer Wunde aus dem Rücken austritt und den Rücken runter rinnt. Ein kleines Bächlein, das immer stetiger fliesst. Zwei starke Hände halten ihn noch einen Moment, lassen ihn dann los. Ralf stürzt ins Bodenlose, geht in die Knie und knallt, Gesicht voran, auf den Boden des Stadions.
Ralf liegt da, dämmert, verliert das Bewusstsein. Niemand nimmt eine Notiz von ihm. Ralf liegt da, die Flamme des Lebens erlischt langsam aber stetig.
Die Erste Reihe jubelt bereits, doch Ralf erlebt nicht mehr, wie die Band die Bühne betritt.
23.05 Uhr.
Danke
Greis – I Wott Aus
Nachtrag! Wuuu! 1071 Wörter!)